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Die ersten hundert Jahre

Autor: Herbert Hoffmann (Quelle: Festschrift 125 Jahre TSF Ditzingen)

Gesunder Körper, gesunder Geist, des Turners Ziel und Streben heißt.
Wilhelm Epple stand unter der mit einem schwarzen Adler geschmückten Türe des Gasthofes am Ditzinger Laien. Die goldenen Zeiger der Turmuhr der Konstanzer Kirche glänzten im milden Sonnenlicht. Aus den Kuhställen im Dreigiebelhaus drangen die Rufe der unruhigen Kühe auf die Straße. Sie wollten gemolken werden. Die Fenster im alten Schulhaus und im Rathaus glänzten um die Wette. Im Hof des Knapp’schen Anwesens spielten Kinder mit den jungen Katzen aus dem Nachbarhaus.
Wilhelm Epple, ein junger Bürstenmacher aus dem Dorf, wartete auf seine Freunde. Nein, heute wollte man sich nicht bei einem kühlen Bier die Zeit mit Kartenspiel oder Reden über die große Politik und die elende Lage der kleinen Bauern und der Dorfhandwerker vertreiben. Heute, am 2. Juli 1893 würden sie zusammenkommen, um die Statuten eines neuen Vereins zu beschließen: In Ditzingen sollte ein Turnverein gegründet werden.
Die Ditzinger Turnfreunde waren vor zwei Wochen zum Gauturnfest des Keplergaus nach Weilimdorf gewandert und auch beim Schauturnen des Leonberger Turnvereins auf dem Turnplatz im Mai waren einige Ditzinger dabei. Hochsprung und Steinstoßen für Jedermann stand neben Turnübungen auf dem Programm. Dabei hatten die Burschen aus Ditzingen gemerkt, dass ihnen Praxis und Training fehlten. Das sollte sich jetzt ändern.
Mehrheitlich beschlossen wurden deshalb an diesem Sommersonntag die Gründung eines Vereins und seine Satzung sowie die Besetzung der notwendigen Posten. Zum Vorstand des neuen Vereins wählte man den Zimmermann Jakob Röhm. Als Turnwart stellte sich der Bürstenmacher Wilhelm Epple zur Verfügung. Epple war wenige Monate später auch bei der Gründung der Sozialdemokratischen Partei in Ditzingen dabei und wurde 1897 deren Vorsitzender. Der Maurer Ernst Schäfer wurde zum Kassier bestimmt. Die Mehrzahl der Anwesenden, die dann noch diverse Ämter übernahmen, waren einfache Handwerker. Beim Eintritt in den Verein war eine Gebühr von einer Mark fällig, jeden Monat kassierte der Verein 25 Pfennige, „Zöglinge“ zahlten 15 Pfennige. Das war für junge Menschen eine beträchtliche Hürde, verdiente ein Arbeitnehmer zu dieser Zeit im Durchschnitt etwa 500 Mark im Jahr. Man wollte sich monatlich treffen und zweimal im Jahr zu einer Generalversammlung zusammenkommen. Um jeden Ärger mit der Obrigkeit auszuschließen, vereinbarte man, dass „jede Politik“ ausgeschlossen ist.

Turnplatz hinter dem Schloss


Was macht ein Turnverein, der weder über eine Turnhalle noch über Turngeräte verfügt? Er organisiert Ausflüge, „Turnausfahrten“ genannt, Tanzveranstaltungen und schaut zu, dass er die Voraussetzungen für einen Turnbetrieb schafft. Das notwendige Grundstück für eine bescheidene Turnhalle fand sich in der Hirschlander Straße und schon im November 1894 wurde der „definitive Beschluss zum Bau einer Turnhalle“ gefasst. Gebäude und die notwendigen Gegenstände wurden über Privatkredite finanziert. Um die Kredite bedienen zu können, veranstalteten die Turner ein großes Weihnachtsfest mit Musikdarbietungen und einer Tombola. Damit begründete der Verein eine Tradition, die über Jahrzehnte das gesellige Leben in Ditzingen prägen sollte.
Am 22. Dezember 1894 wurde die Turnhalle vom Zimmermann aufgeschlagen. Am Pfingstsonntag 1895 wurde die bescheidene Halle unter Anteilnahme der Turnvereine aus der Umgebung und der Ditzinger Vereine mit einem großen Fest auf dem Festplatz hinter dem Schloss eingeweiht. 1.200 Liter Bier wurden dabei ausgeschenkt. Im Gasthaus „Adler“ konnten die Turner dann noch das Tanzbein schwingen.
Sehr viel ernster ging es dann im Alltag zu. Turnen war im vom militärischen Denken geprägten wilhelminischen Deutschland in erster Linie unter dem Aspekt der „Leibesertüchtigung“ sehr populär. Militärisch-stramme Ordnungs- und Freiübungen standen deshalb immer auf dem Trainingsprogramm. Erst danach konnte mit dem Turnen an Geräten oder mit Freiübungen in der Gruppe begonnen werden. Militärische Spiele waren auch als geselliges Vergnügen sehr beliebt.
An einem kalten Wintersonntag im Dezember 1901 versammelten sich deshalb die aktiven Turner aus Ditzingen und Gerlingen zur Mittagszeit im Fasanenwald. Zur gleichen Zeit trafen in Renningen Turner aus Leonberg, Eltingen, Renningen und Rutesheim ein. Auf dem Plan stand ein „Kriegsspiel“. Ziel für beide Gruppen war der Engelbergturm in Leonberg. Sieger war die Gruppe, die zuerst und mit der größten Anzahl ihrer Leute das Ziel erreichte. Um den Vormarsch der feindlichen Truppe zu verzögern, durften „Gefangene gemacht werden, wenn es gelingt, an den Feind auf 10 Meter Entfernung heran zu kommen und die Anzahl Leute stärker ist als die der Gegenseite“. Die größere Gruppe, die in Rutesheim als „Westgruppe“ losmarschiert war, versuchte vergeblich, die „Ostgruppe“ am Fuß des Engelbergs zu stellen. So gelangten die Ditzinger und Gerlinger Turner 20 Minuten eher auf den Engelbergturm als die Turnfreunde der „Westgruppe“. Als beide Gruppen mit Musikbegleitung nach Leonberg marschierten, war die Rivalität schon wieder vergessen. Im Gasthaus „Zum Löwen“ traf man sich zum fröhlichen Ausklang, bevor man mit dem Zug die kurze Heimreise nach Ditzingen antrat.

Ihr Turner nun in stolzer Pracht …
mit diesen Worten beginnt ein Gedicht, dass Wilhelm Epple zehn Jahre später zur Veröffentlichung an die Glems- und Würmgauzeitung schickte, um auf das Jubiläumsfest des Turnvereins Ditzingen aufmerksam zu machen, das am Sonntag, dem 28. Juni 1903 mit einem Gauturnfest und der Weihe der neuen Vereinsfahne gefeiert werden sollte.
Der Turnverein hatte sich prächtig entwickelt. Die Ditzinger Turner waren bei den Turnveranstaltungen der Umgebung regelmäßig mit einer Riege vertreten. Sportlich konnte man mithalten. 1903 erreichten beim Preisturnen der „Zöglinge“ anlässlich der Fahnenweihe des Turnvereins Rutesheim zwei Turner aus Ditzingen die Plätze 5 und 7 bei 62 Teilnehmern aus dem Leonberger Amt.
Wer im Sport erfolgreich sein wollte, der musste trainieren und sich in Wettkämpfen messen. Für die Aktiven und die Freunde des Vereins war das Turnen schnell zu einer den Alltag und noch mehr die Freizeit an den Sonntagen prägende Angelegenheit geworden. Das gefiel nicht jedem in einem Ort, wo die Obrigkeit Zucht und Frömmigkeit einforderte.
Anlass für einen heftigen Schlagabtausch in Leserbriefen an die Zeitung lieferte ein Vorfall, der sich am 22. Februar 1903 auf dem Weg zwischen Heimerdingen und Ditzingen ereignet hatte. Die Ditzinger Turnerschar hatte zu einem Ausflug nach Heimerdingen geladen. Dort wurde offenbar in geselliger Runde gefeiert und nicht zu wenig getrunken. Auf dem Rückweg kam es zu einer Rauferei mit einem „Burschen aus Weissach“. Am Ende lag der junge Mann tot in seinem Blut. Schon am 9. April 1903 kam es vor dem Schwurgericht in Stuttgart zum Prozess und der Angeklagte, der nicht Mitglied des Vereins war, wurde wegen Totschlags zu fünf Jahren und zwei Monaten Zuchthaus verurteilt. Als nun der Turnverein im Juni die Turner aus dem Amt und die Ditzinger Bürger zum Gauturnfest und zur Fahnenweihe einlud, da erschien in derselben Ausgabe der Glems- und Würmgauzeitung ein Leserbrief. Stein des Anstoßes sind darin die „endlosen Turnfestlichkeiten“, die im Sommer beinahe an jedem Wochenende stattfinden und die sonntägliche Ruhe beeinträchtigen. Unterstellt wird, dass die Turnübungen am Vormittag nur Vorwand sind, um sich am Nachmittag der „Geselligkeit und dem Trinken und Tanzen“ hinzugeben. „Bedenkt man, dass den Turnvereinen sich sehr viele kaum der Schule entwachsene junge Leute anschließen, so berührt es jeden Freund der Jugend schmerzlich, wenn er sehen muss, wie die jungen Leute Sonntag für Sonntag durch das Turnen dem Wirtshausleben, dem Trinken und Tanzen zugeführt werden. Besonders schlecht sieht es aus, wenn eine Mädchenschar zwischen den Turnern marschiert oder wenn man sieht, wie sich ein Jünger Jahns gar die turnerische Freiheit gestattet, am hellen Tage mit einem Mädchen am Arm im Zuge durchs Dorf zu marschieren.“
Ganz aus der Luft gegriffen waren die Vorhaltungen des Briefschreibers nicht. Gesellige Veranstaltungen wie Faschingstreiben, Ausflüge, die vielen Turnfeste im Sommer bis zur Weihnachtsfeier im Schwanen, bei der schon bald regelmäßig ein Laientheaterstück auf dem Programm stand, waren Ausdruck einer neuen Lebensart, die wenig Rücksicht auf die frommen Traditionen und die Kirchenzucht nahm. Sie dienten aber auch der Finanzierung der vielfältigen Vereinsaktivitäten. Dazu gehörte seit der Jahrhundertwende auch eine Sängerabteilung für Nichtturner.

Mit stolzer Brust schaute Vereinsvorstand Johannes Epple am 28. Juni 1903 auf die Aufstellung des Festzuges, der sich angeführt von der neuen Vereinsfahne und den 15 aktiven Turnern der Oberklasse mit den 58 Turnern der Unterklasse und den 62 „Zöglingen“ und festlich herausgeputzten „Festjungfrauen“ sowie den Turnern aus Böblingen, Eltingen, Flacht, Gerlingen, Herrenberg, Höfingen, Leonberg, Magstadt, Renningen, Sindelfingen, Rutesheim und Weil der Stadt, sowie vier Musikkapellen, dem Ditzinger Liederkranz, dem Kriegerverein, dem Militärverein, dem Arbeiterverein und der Feuerwehr und den Honoratioren des Dorfes vom Festplatz aus in Bewegung setzte. So etwas hatte man seit der Einweihung der Eisenbahn im Jahre 1868 und dem Besuch des Kaisers 1885 nicht mehr gesehen. Für die Fahne hatte man tief in die Vereinskasse gelangt. 380 Mark hatte sie gekostet. Da langten auch die Einnahmen aus dem Bierverkauf beim Gauturnfest nicht. 4.000 Liter konnte man verkaufen. 3 Pfennige pro Liter flossen dafür in die Vereinskasse. Sportlicher Höhepunkt war das Vereinswettturnen, an dem sich 10 Riegen beteiligten. Mit einem 5. Rang bei den Senioren und vielen Platzierungen konnten die Ditzinger Turner sportlich nicht mit den größeren Vereinen aus Leonberg, Sindelfingen und Herrenberg mithalten. Das trübte aber nicht die Stimmung beim Fest, das mit einem Festball im Gasthaus Adler um 2 ½ Uhr zu Ende ging.


Hielt der Verein sein vom besten Wetter begünstigtes Kinderfest ab
Die Idee war neu und der Erfolg gab den Verantwortlichen in der Vereinsführung Recht. Die Rede ist vom „Kinderfest“, zu dem der Turnverein im Juni 1910 die „Einwohnerschaft einschließlich der Kinder“ durch eine Anzeige in der Ditzinger Zeitung erstmals eingeladen hatte. Im Gemeinderat hatte man den Wunsch vorgetragen, dieses Sommerfest auf dem Gemeindeplatz am Korntaler Weg, das sonst vom Fleckenschäfer Schüle genutzt wurde, ausrichten zu können. Bei bestem Wetter zogen am Nachmittag des 10. Juli 1910 die Kinder begleitet von allen Ditzinger Vereinen mit Musik durchs Dorf zum Festplatz. Für die Knaben hatte man eine Kletterstange aufgerichtet. Die Vereinsjugend turnte vor und bei Bier, Wurst und Brot vergnügte sich die Festgesellschaft bis zum späten Abend, als Lichtgirlanden und ein bengalisches Feuer den Festplatz erhellten. Als abgerechnet wurde, verblieb ein ansehnlicher Überschuss in der Vereinskasse. Die rund 200 Mark entsprachen in etwa den Einnahmen durch die Mitgliedsbeiträge in diesem Jahr. Zusammen mit dem Überschuss, den die Weihnachtsfeier erbrachte, konnten die Ausgaben des Vereins nun mit den geselligen Veranstaltungen erwirtschaftet werden. Darüber hinaus war man in der Lage, Rücklagen in Form eines Sparbuchs bei der Oberamtskasse Leonberg zu bilden. Das „Kinderfest“ des Turnvereins wurde zu einer festen Einrichtung. Für die Kinder im Ort bedeutete das Fest ein Höhepunkt im doch recht eintönigen Jahresablauf.


„Auf dem Gipfel des Glückes …“
durfte sich der Festredner der Einweihungsfeier der neuen Turnhalle an der Georgstraße fühlen. Mit ihm feierte der ganze Ort am 8. Juni 1913 ein großes Fest.
Vorausgegangen waren langwierige Verhandlungen mit der Gemeinde und einigen Grundstückseigentümern. Schließlich verkaufte die Gemeinde im Herbst 1911 an den Verein einen Platz oberhalb der Pumpstation an der Münchinger Straße für 30 Mark/qm und schaffte Baurecht durch eine Baulinie. Im Gegenzug verlangte der Gemeinderat das Recht, die Turnhalle regelmäßig für den Schulsport nutzen zu können. Außerdem enthielt der Kaufvertrag die Regelung, wonach der Verein den Platz nur an die Gemeinde wieder verkaufen durfte. Im Februar 1912 ließ man sich von einem Architekten erste Planskizzen und einen ersten Kostenvoranschlag für eine voll unterkellerte Turnhalle machen. Etwa 10.000 Mark sollte die Halle kosten. Zur Finanzierung wurde die alte Halle für 355 Mark und das Grundstück an der Hirschlander Straße für 1.500 Mark an die Gemeinde verkauft. Außerdem fragte man bei den Brauereien der Umgebung wegen eines Kredits an, den man später mit den Bierlieferungen bei den Vereinsfesten abbezahlen wollte. Weil auch das nicht reichte, wurden Anteilscheine als zinslose Darlehen an die Vereinsmitglieder ausgegeben und das Sparbuch bei der Sparkasse geplündert. Am Ende musste ein privater Hypothekenkredit über 5.000 Mark aufgenommen werden, der mit 4,4 % verzinst werden musste, um die Baukosten in Höhe von 12.000 Mark decken zu können.
Das alles war vergessen, als am 8. Juni 1913 der große Tag der Einweihung der neuen Halle um 6 Uhr mit Böllerschüssen begann. Unter Beteiligung vieler auswärtiger Gäste und Vereine und mit Unterstützung aller Ditzinger Vereine, zu denen nun auch der „Kraftsportverein Ditzingen“ und der neu gegründete Gesangverein „Sängerlust“ zählten, wurde das Ereignis gebührend mit einem Festzug, sportlichen Darbietungen und einem Festbankett in der neuen Halle gefeiert.
Ditzingen hatten nun innerhalb von zwei Jahren mit der 1912 eingeweihten Wilhelmschule samt Lehrerwohngebäude und der Turnhalle zwei zeitgemäße Einrichtungen für die Jugend erhalten. Die Vereinsturnhalle wurde bis zur Fertigstellung der Turn- und Versammlungshalle im Jahre 1966 nicht nur vom Turnverein für den Sport und gesellige Veranstaltungen, sondern auch von der Gemeinde für den Schulsport und bei größeren Versammlungen genutzt.

Abmarsch zum Gauturnfest
hieß es in jedem Sommer. Dann galt es, sich mit den Vereinen der Nachbarschaft sportlich zu messen. Geturnt wurde in mehreren Klassen und Altersstufen. Vom Einzel- und Mannschaftsturnen an den Geräten brachten die Ditzinger Turner meist Ehrenpreise für gute Platzierungen nach Hause. Bei den technischen Wettbewerben, wie Stabhochsprung, Weitsprung und Kugel- oder Steinstoßen belegten talentierte Sportler aus Ditzingen auch vordere Plätze. Rudolf Ruckwied, der auch als Turnwart oder Trainer fungierte, konnte bei einigen Turnfesten glänzen. Tragisch endete sein Auftritt beim Gauturnfest 1908 in Weil der Stadt. Beim Versuch, die Höhe von 2,30 Metern im Stabhochsprung zu überwinden, landete er auf dem Rücken und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Erfolgreich waren die Ditzinger Athleten bei Mannschaftswettkämpfen im Staffellauf (10 mal 100 Meter) oder beim Seilziehen.
Als ein ganz besonderes Erlebnis schildert der Chronist die Ausfahrt zum zweitägigen Kreisturnfest 1909 nach Heilbronn. Dort nahm man nicht nur am geselligen Ausflugsprogramm in die Umgebung teil. Man war auch Teil der Massenturnübungen, an denen mehr als 5.000 Turner aus 400 Vereinen aus ganz Württemberg teilnahmen.

Das „Fußballfieber“
infizierte kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch den Turnverein Ditzingen. Fußball war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das krasse Gegenteil von dem, was deutsche Turner als Leibesübung betrachteten: Es war wild und in den Augen vieler Funktionäre ungeordnet und widersprach der systematischen Körperschulung. Die Jugend war begeistert von diesem neuen Sport und strömte in die neuen Fußballvereine.
Auf der Generalversammlung des Jahres 1914 stand ein Antrag des Vorstands auf der Tagesordnung: „Es soll eine Fußballabteilung gegründet werden“. Dem wurde entsprochen. „Ebenso soll der Fußball eingeführt, jedoch nicht sportmäßig zugeschnitten, sondern den beiden Turnwarten nach Belieben überlassen werden.“ Damit war die Türe einen Spalt weit für den neuen Mannschaftssport geöffnet. Noch fehlte aber ein geeigneter Platz, um Fußball auch „sportmäßig“ ausüben zu können.

„Bis in die letzten Tage des Juli war alles in bester Ordnung und Ruhe“,
dann folgte am 1. August 1914 der „Beginn des großen Weltkrieges“ mit der Mobilmachung des Landsturms. Alle wehrfähigen Männer bis zum 45. Lebensjahr wurden eingezogen. „Der Turnverein hatte ca. 50 Mann zum Heere zu stellen“. Betroffen davon waren Vorstandsmitglieder und die beiden Turnwarte (Trainer). „Anfang Oktober erhielten wir die Hiobsbotschaft von dem Heldentot unseres allgemein beliebten Turnwarts Christian Hartmann.“ Als man am 26. Dezember 1918 im Gasthaus „Lamm“ zu einer Gedenkfeier für die im Krieg gestorbenen Mitglieder zusammenkam, ging man von 15 gefallenen Kameraden aus. In der Turnhalle wurde im Oktober 1921 eine Gedenktafel für die wohl insgesamt 30 Opfer des Ersten Weltkrieges aus den Reihen der Ditzinger Sportler eingeweiht.
Trotz der Einschränkungen durch den Krieg ging der Sportbetrieb weiter. Der Verein beteiligte sich an den Turnfesten und Wettbewerben des Keplergaus. Zum Feiern war niemandem zu Mute. Kinderfeste und Weihnachtsfeiern fanden nicht statt.

Dem Kraftsportverein mitzuteilen, dass wir eine Vereinigung begrüßen.
So lautet der Beschluss, den der Vorstand des Turnvereins am 1. Februar 1919 fasste. Eine Woche später trafen sich beide Vereinsvorstände. „Die beiden Vereine gehen zusammen, jede Politik ist ausgeschlossen.“ Am 30. August 1919 fand in der „Krone“ die konstituierende Sitzung der „Turn- und Sportvereinigung“ statt. Vorstand und Ausschuss wurden paritätisch besetzt. Eugen Glauner vom Turnverein wurde zum neuen Vorsitzenden gewählt. Die Nutzung der Turnhalle wurde wie folgt geregelt: Dienstag: nur sportliche Übungen; Mittwoch: Damenriege; Freitag: Turnen und Sonntag: Leichtathletik. Mit der Nennung der „Damenriege“ erscheinen erstmals Frauen als aktive Sportlerinnen im Verein. Erstmals beteiligten sich nun auch Ditzinger Sportler an Sportwettkämpfen, die nicht vom Turngau organisiert waren. Bei Wettkämpfen in Degerloch erscheint der Name Adolf Cless mit vier 2. Plätzen in der Siegerliste. Außerdem gab es Preise für Ditzinger Sportler im 1.500 Meterlauf, im Weitsprung und im 800-Meterlauf. Die Bandbreite der sportlichen Aktivitäten des neuen Vereins zeigte man bei einem lokalen Wettstreit am 14. September 1919 in Ditzingen: „9.00 Uhr: Antreten zum Stemmen und Ringen, anschließend Sechskampf 2 Uhr: Abmarsch vom Schwanen. Nach Ankunft auf dem Festplatz 200, 400, 800 und 1500 mtr. Lauf; Tauziehen; 3000 Meter Stafette. Turnriege am Barren, Faustballspiel“
Das gesellige Zusammensein am Abend durfte nicht fehlen. „Möge uns die Zukunft wieder auf die Höhe bringen, wie vor dem Kriege.“


Marschmusik, humorvolles Laientheater, fesche Lieder, ein Lichtbildervortrag und Turnvorführungen: Die Weihnachtsfeier der Turn- und Spielvereinigung war 1919 nach vier Kriegsjahren wieder ein großes Ereignis. Offenbar waren die Turnübungen nicht so gelungen. Sie wurden „flott ausgeführt und haben gezeigt, dass das verflossene Jahr an den üblen Schäden, die der Krieg verursacht hat“, nicht viel geändert hatte. „Ganz neu war dem Zuschauer das erstmalige Auftreten unserer Damenriege. Die vorgeführten Stabübungen und Pyramiden legten Zeugnis einer guten Schulung ab. Möge der spärliche Keim bei unserer Damenwelt neuen Boden gewinnen“.
Ob es am Auftritt der Damenriege lag oder an den „theatralischen Aufführungen“, schon die Weihnachtsfeier im Dezember 1919 war restlos ausverkauft. Den Bitten der abgewiesenen Besucher wollte man nicht widerstehen und wiederholte die gesamte Aufführung zu Beginn des neuen Jahres mit ebenso großem Erfolg.
Dieser Zuspruch war auch ein Erfolg des Zusammenschlusses. Hatte der Turnverein vor dem Ersten Weltkrieg um die einhundert Mitglieder in seinen Reihen, so war die Zahl durch den Zusammenschluss auf 221 angewachsen. Jeder zehnte Ditzinger war damit Mitglied im Sportverein. Bedenkt man die kleine Zahl von weiblichen Mitgliedern, dann darf man davon ausgehen, dass im Bauerndorf Ditzingen zu Beginn der 20iger Jahre ein Viertel der Männer zwischen 15 und 50 Jahren Mitglied im Sportverein war.

In der jetzigen Zeit muss den immer mehr in die Höhe kommenden Rasenspielen Rechnung getragen werden.
Fußball ohne Sportplatz. Das geht gar nicht. Im April 1920 suchte eine Kommission des Vereins einen geeigneten Platz und fand ihn im benachbarten Weilimdorf. Für eine Pacht von 200 Mark/Jahr überließ die dortige Gemeinde dem Verein einen „Heideplatz“ in der „Steinröhre“ im „Scheffzental“ direkt an der Ditzinger Markungsgrenze für fünf Jahre. „Die Ebnung und Planierung des Platzes übernehmen die Vereinsmitglieder“, heiß es im Sitzungsprotokoll.
„Der Himmel strahlte mit schönster Sonne“ beim Gewinn der Gaumeisterschaft im Faustball und der Vizegaumeisterschaft im Fußball. Ein schönes Fest für das ganze Dorf mit Schiffschaukel und Schaubuden, Musik und Unterhaltung waren der Lohn für die Anstrengungen des Vereins beim Gauturnfest in Ditzingen am 27. Juni 1920.

Sich in sämtlichen Sportarten betätigen zu können
war oberstes Ziel der Vereinsführung. Das war aus unterschiedlichen Gründen nicht immer ganz einfach. Aus der organisierten Leibesübung, wie sie in den Vereinen des Schwäbischen Turnerbundes bis zum Ersten Weltkrieg üblich war, war durch die Aufnahme von Spiel, Sport und gesundheitlicher Gymnastik, den Aufbau des Kinder- und Jugendturnens sowie des Frauenturnens und der Frauengymnastik eine Vielzahl von Organisationen entstanden. Um die Regeln bei Wettkämpfen und Turnieren kümmerten sich landes- und reichsweit tätige Verbände. Die waren sich aber nicht immer einig. In Württemberg hatten sich neben dem Schwäbischen Turnerbund der Schwäbische Turn- und Spieleverband sowie der Arbeiter-Turnerbund etabliert. Während der Schwäbische Turnerbund die Jugend auf den Militärdienst vorbereiten wollte und der Arbeiter-Turnerbund eng mit der Arbeiterbewegung verbunden war, achteten die Vereine, die sich dem Schwäbischen Turn- und Spieleverband angeschlossen hatten, streng auf „politische Neutralität“. Die Turn- und Spielevereinigung Ditzingen war Mitglied in dieser Vereinigung. Dazu gehörte der Verein einigen Fachverbänden an, die sich für die einzelnen Sportarten gebildet hatten, um gemeinsame Regeln durchsetzen zu können. Mitte der 20iger Jahre gründeten sich in Ditzingen einige Arbeitersportvereine: der Turnerbund und der „Arbeiter Rad- und Kraftfahrtverein Solidarität“. Beide Vereine waren zunächst eng mit dem Turn- und Sportverein verbunden. Der stellte seine Halle den Vereinen gegen Gebühr zur Verfügung. Erst als die politische Polarisierung der Parteien zunahm, kam es zu einem Unvereinbarkeitsbeschluss durch den Turn- und Sportverein. Er drohte mit Ausschluss für den Fall, dass ein Mitglied an einem Wettkampf des anderen Verbandes teilnahm. Daraufhin zogen es einige Mitglieder vor, den Verein zu verlassen. Darunter mit Eugen Heimerdinger ein Übungsleiter, der als Vorstand des Radfahrvereins und Gemeinderat bis 1933 und nach dem 2. Weltkrieg großen Einfluss auf den Sport in Ditzingen hatte.

Mitglied Cless startet im kommenden Jahr wieder für unseren Verein
Adolf Cless aus Schöckingen war bis 1921 der erfolgreichste Kraftsportler des Vereins. Bei Wettkämpfen in ganz Deutschland feierte er Erfolge im Hammerwurf, Diskuswurf und Kugelstoßen. Diese Disziplinen wurden neben Boxen, Ringen, Gewichtheben, Tauziehen, Gewichtwerfen, Steinstoßen vornehmlich von den Kraftsportvereinen angeboten. Deshalb startete Cless auch bei den Deutschen Meisterschaften des Deutschen Athletik Sportverbands in Plauen im Vogtland. Im Hammerwurf hielt er den deutschen Rekord und wurde Deutscher Meister. Die Reisen zu den Wettkämpfen wurden aus der Vereinskasse bezahlt. Cless verstarb kurz nach seinen größten Erfolgen am 21. September 1921.

„Zur Erwerbung eines neuen Sportplatzes ...
... bittet die Turn- und Sportvereinigung um pachtweise Überlassung des der Gemeinde gehörigen Platzes beim Zuckerrübenhäuschen“ auf der Südseite des Bahnhofs. Das Gesuch wird am 15. März 1921 vom Ditzinger Gemeinderat abgelehnt. Das Gelände sei verpachtet und für einen Sportplatz nicht geeignet. Außerdem würde das Gelände für eine geplante Industrieansiedlung benötigt. Die Sportplatzfrage blieb also auch weiterhin auf der Tagesordnung des Vereins. Auch eine Eingabe des Schwäbischen Turn- und Spieleverbandes konnte die Gemeinde nicht dazu bewegen, den Verein bei der Bereitstellung eines geeigneten Sportplatzes zu unterstützen. Deshalb suchte der Verein selbst nach einer Lösung. Der Platz um die Turnhalle wurde befestigt und mit Stützmauern abgesichert. Für Trainingszwecke war der Platz geeignet. Wettkämpfe und Ligaspiele konnten nur auf dem Platz in der Steinröhre ausgetragen werden. Der Vereinsvorstand erwarb deshalb landwirtschaftliche Grundstücke, um sie bei Gelegenheit gegen ein geeignetes Grundstück für einen Sportplatz tauschen zu können. Zur Finanzierung wurde ein Kredit über 45.000 Mark aufgenommen und die vereinseigene Turnhalle mit einer Grundschuld belegt. Alle Vereinsmitglieder wurden mit einem zinslosen Pflichtdarlehen von mindestens 10 Mark, rückzahlbar nach Kassenlage, belegt. Dazu verhandelte man mit der Brauerei Leicht einen neuen Bierliefervertrag und einen weiteren Kredit aus. Im März 1925 war es dann soweit. Die landwirtschaftlichen Grundstücke konnten verkauft und ein Wiesengrundstück zwischen Lache und Beutenbach an der Hohenstaufenstraße erworben werden. Am 6. Juni 1926 konnte „bei gutem Wetter“ der neue Sportplatz mit einem großen Fest eingeweiht werden.

Vergeblich hatte der Verein immer wieder um einen Zuschuss des Landes oder der Gemeinde gebeten. Erst im Juli 1929 wurden von der Gemeinde 200 Mark bewilligt. Im Gegenzug stand der Platz wie schon die Turnhalle für den Schulsport zur Verfügung. Auch andere Vereine nutzten den Platz. Der Liederkranz Ditzingen veranstaltete 1926 dort sein Sängerfest, der Gesangverein „Sängerlust“ feierte im Sommer 1927 auf dem Sportplatz seine Fahnenweihe.

Das kommende Jahr wird voraussichtlich noch arbeitsreicher sein.
Dieser Satz, aufgeschrieben vom Schriftführer des Vereins, Karl Schaible, sollte sich für das Jahr 1927 voll und ganz bewahrheiten. In diesem Jahr richtete der Verein auf dem neuen Sportplatz eine ganze Reihe von regionalen Sportfesten und Veranstaltungen aus. Das Vereinsleben blühte, auch weil es den Menschen nach Jahren voller wirtschaftlicher Probleme endlich wieder besser ging. Das herausragende Sportjahr für die Turn- und Sportvereinigung Ditzingen wurde dazu durch die sportliche Höchstleistung des Mitglieds Adolf Stickel veredelt. Der 23 Jahre alte Sohn eines Schuhfabrikanten hatte sein großes Talent im Weitsprung schon bei vielen Wettkämpfen bewiesen. 1927 schickte ihn der Verein zu den Meisterschaften des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes nach Duisburg. Mit einer Weite von 6,46 Metern wurde er Deutscher Meister dieses Verbandes, der zu dieser Zeit etwa 400 Vereine mit 45.000 Mitgliedern in Süd- und Westdeutschland vertrat. Stickels Rückkehr wurde vom ganzen Dorf gefeiert. Man war über die Maßen stolz auf diesen Sportler. Stickel verließ schon ein Jahr später den Verein, der sich schwer damit tat, die vielen Reisen zu den Wettkämpfen im ganzen Land zu finanzieren. Nach seiner aktiven Laufbahn engagierte er sich viele Jahre wieder für seinen Heimatverein.

... und hob hervor, dass es leider immer dieselben seien, die wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache seien.
Vorstand Gustav Kiefer musste mit ansehen, wie der Verein sportlich und wirtschaftlich nach dem großen Aufschwung in den Jahren 1926 bis 1928 zu Beginn des Jahres 1929 in eine Krise schlitterte. Das Interesse am Sport, allen voran die Schwerathletik und das Ringen, das in den vergangenen Jahren zum Markenkern des Vereins zählte, aber auch am Turnen, ließ deutlich nach. Die Vollversammlungen waren schwach besucht und die Monatsversammlungen fanden kaum noch statt. Der Verein war hoch verschuldet und musste mit geselligen Veranstaltungen und weiteren Krediten der Brauerei Leicht über die Runden kommen.

Die Fußballabteilung lasse auch etwas zu wünschen übrig
10 : 6. Schon wieder verloren. Gegen die Stuttgarter Kickers gab es im September 1927 eine derbe Niederlage auf heimischer Wiese. Die Ditzinger Fußballer hatten einen schweren Stand. Im Verein galten sie als wilder Haufen und bei Wettkämpfen zogen sie meist den Kürzeren. Im Vorstand hatten die Vertreter des Turnens und die Schwerathleten das Sagen. Aus deren Sicht war der Sportplatz ein idealer Ort für den Sport. Die Fußballer benötigten einen größeren Platz für die Spiele in den Ligen des Fußballbundes. Deshalb beantragte die Fußballabteilung in der Generalversammlung des Jahres 1929 den Zukauf einer weiteren Wiese. Außerdem wollte man die sportlichen Angelegenheiten, auch die finanziellen, in Zukunft in größerer Unabhängigkeit vom Verein selbst in die Hand nehmen. Im Vorstand und bei den Mitgliedern stießen die Anträge auf fruchtbaren Boden. Mit der Brauerei Leicht konnte erneut ein Darlehensvertrag über 3.000 Mark abgeschlossen und das Grundstück erworben werden.
Die Abteilung ist auf dem Nullpunkt angelangt
Die Kampfmatten der Ringer blieben immer öfter leer. Und die Hanteln rosteten vor sich hin. Die starken Männer der Schwerathletikabteilung waren in die Jahre gekommen. Die jungen Leute im Dorf wollten kicken oder Fahrrad fahren. Im Frühjahr 1929 waren außer dem Übungswart keine aktiven Mitglieder in der Abteilung mehr gemeldet. Die Mitgliedschaft im Deutschen Schwerathletikverband wurde deshalb gekündigt.

Leider leidet auch der Verein wegen der Arbeitslosigkeit,
befand Vorstand Gustav Kiefer bei der Generalversammlung des Jahres 1932. Die Veranstaltungen des Vereins waren schon zuvor nur noch im kleinen Rahmen möglich gewesen. Zu viele Menschen hatten ihre Arbeit und das Familieneinkommen verloren. Die Gemeinde hatte eine Suppenküche und eine Wärmestube in der Leonberger Straße eingerichtet. Die große Weihnachtsfeier im Gasthaus wurde deshalb zur Familienfeier in der eigenen Turnhalle, das Kinderfest wurde auf kleiner Flamme ausgerichtet. Nun musste auch noch der traditionelle Maskenball abgesagt werden. Damit waren die wichtigen Einnahmequellen des Vereins versiegt. Die Schulden bei der Brauerei und die Zinszahlungen an die Sparkasse drückten auf die Finanzen. Einzig die Einnahmen aus den Verbandsspielen der Fußballer sorgten für regelmäßige Einnahmen, auch wenn der Eintritt für Arbeitslose halbiert werden und die Fahrtkosten für die Auswärtsspiele für arbeitslose Spieler erstattet werden mussten.


Durch die nationale Revolution und die damit verbundene Auflösung der linksgerichteten Vereine
hatte sich im März 1933 eine neue Situation für den Verein erge-ben. Eine Woche nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, bei der 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Ditzingen für die NSDAP stimmten, wurde die Auflösung sämtlicher Vereine der Arbeiterbewegung angeordnet. Vom Verbot betroffen waren in Ditzingen der Arbeiterrad- und Kraftfahrverein „Frisch auf“ und der Arbeiterturnerbund. Der Radfahrverein war über ein Jahrzehnt eng mit der Turn- und Sportvereinigung verbunden. Er besaß ein Vereinsheim am Maurener Berg. Das Heim wurde geschlossen und das Grundstück zur Tilgung der Grundschuld versteigert. Der Vorsitzende, KPD-Gemeinderat Eugen Heimerdinger, wurde in „Schutzhaft“ genommen. Der Turnerbund hatte das Gelände in der Steinröhre übernommen und dort auch ein Vereinsheim gebaut. Das Gelände und das Inventar wurden an die SA übergeben, die hier einen Schießstand einrichtete. Der Anführer der Ditzinger SA, Karl Fuchs, war viele Jahre als Oberturnwart und einflussreiches Mitglied im Vorstand der Turn- und Sportvereinigung tätig. Sein Bruder, Otto Fuchs, ebenfalls langjähriges Mitglied im Verein, leitete als Ortsgruppenleiter die NSDAP in Ditzingen.


Die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Adolf Hitler bedeutet Reformen auf allen Gebieten, also auch in der Turn- und Sportsache.
Das vermerkte Schriftführer Karl Schaible am 4. April 1933 und verkündete den Übertritt des „Schwäbischen Turn- und Spielverbandes“ in den Deutschen Turnerbund. Eine Woche später, am 8./9. April 1933, wurde der Dachverband der Deutschen Turnerschaft auf den Kurs der Nationalsozialisten eingeschworen. Die demokratischen Grundsätze, die seit 100 Jahren den Verband geprägt hatten, wurden über Bord geworfen und durch das Führerprinzip ersetzt. „Es wird also in Zukunft nur noch der 1. Vorstand gewählt, während dieser seinen Ausschuss bestimmt.“ (Protokoll vom 27. Mai 1933)
Außerdem beschloss man die „Vollarisierung“ der Vereine und damit eine „judenfreie Turnerschaft“. Der Übertritt aus dem bis dahin „unpolitischen“ „Schwäbischen Turn- und Spielverband“ in den Deutschen Turnerbund „hat keinerlei Bedenken oder Tadel hervorgerufen, sondern überall Beifall.“ So steht es im Protokoll. Um den Vorgaben der Reichsführung nachzukommen, wurde gleich beschlossen, dass „frühere Turnerbund-Mitglieder möglichst nicht aufgenommen“ werden. „Ebenso wenig werden künftig auswärtige Personen aufgenommen.“ Beim Fackelzug der NSDAP anlässlich des Geburtstags des „Führers“ Adolf Hitler am 20. April 1933 war der Verein geschlossen dabei. In der Turnhalle waren von nun an auch die Jugendorganisationen der NSDAP, die Hitler-Jugend (HJ) und der Bund deutscher Mädchen (BdM), gern gesehene Nutzer. Dass eine Hakenkreuzfahne und ein Hakenkreuzwimpel für die Vereinsfahne beschafft wurden, war folgerichtig wie der Beschluss über die „Entfernung des Wimpels, gestiftet vom Radfahrverein.“

Nach Vorschrift der SA muss jeder Verein das Wehrturnen einführen und pflegen.
Dieser neue Sportzweig „soll die Wehrhaftmachung der Turnjugend in ganz bescheidenem Rahmen zum Ziel haben.“ Für die 17- bis 25-jährigen Jugendlichen im Dorf wurde der „Gelände-
sport“ zur Pflichtveranstaltung. Dafür musste der traditionelle Sport auf die Gauturnfeste verzichten. Für Turner, Leichtathleten und Faustballer veranstaltete der Verein interne Wettkämpfe. Die Verbandsspiele der Fußballabteilung konnten weiter ausgetragen werden. Zum Ende des Jahres 1933 war der Verein mit 200 Mitgliedern ein anderer geworden. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung wurde der langjährige Vorstand, Gustav Kiefer, am 26. August 1933 „per Akklamation“ zum Führer des Vereins gewählt. Die Versammlung beschloss: „Bei den Fußbällern wird bei Spielbeginn und Schluss der neue deutsche Gruß eingeführt.“ Der Sport hatte sich in den Dienst der „Nationalen Revolution“ gestellt. Und die Turn- und Sportvereinigung Ditzingen begrüßte „von Herzen die Wendung der deutschen Geschichte.“ Bei der Generalversammlung des Jahres 1934 wurden die notwendigen Änderungen „ohne stundenlange und nutzlose Debatten“ in der Vereinssatzung vorgenommen.

Sieg der Mannschaft in der B-Klasse
Endlich hatten sie es geschafft! Nach 9 Jahren konnte die Fußballabteilung erfolgreiches berichten. Nach 32 Spieltagen war der Aufstieg in die neu geschaffene „Kreisklasse Strohgäu“ gelungen. Dieses sportliche Erfolgserlebnis konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der traditionelle Sport im Verein auf absehbare Zukunft keine wirkliche Zukunft mehr haben sollte. Schon 1934 beklagte der Jugendturnwart, dass die meisten seiner Zöglinge in der Hitlerjugend oder beim Jungvolk engagiert seien. Mitte 1934 wurde die formale Eingliederung der Turnjugend in die Hitlerjugend vollzogen. Aus dem traditionellen Kinderfest des Vereins wurde 1934 das „Deutsche Jugendfest“. Die Pflichtveranstaltung für alle Jugendlichen aus dem Dorf wurde nun von der Gemeinde ausgerichtet. Dem Verein blieb das Recht zum Bierausschank. Überhaupt wurde das Wort „Pflicht“ zum tragenden Begriff für die Vereinsarbeit. Wer an bestimmten Versammlungen nicht in einheitlicher Sportkleidung – grüne Hose, weißes Leibchen – antrat, durfte auch nicht an Wettkämpfen teilnehmen.

Wir müssen Kampfzellen sein für die Volksgesundheit, Kampfzellen für deutsches Volkstum.
Die markigen Worte des Vereinsführers Gustav Kiefer, gesprochen bei der Generalversammlung 1936, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Sport im Verein nicht mehr sonderlich gefragt war. Auf Reichs- und Landesebene hatten sich der Deutsche Turnerbund und der Schwäbische Turnerbund von der Bühne verabschiedet. Der Sport wurde im „Reichsbund für Leibesübungen“ als Teil der staatlichen Verwaltung neu aufgestellt. Freie und unabhängige Vereine wurden nicht länger gebraucht. In Ditzingen musste die Leichtathletikabteilung mit der Turnabteilung zusammengelegt werden. Die Fußballabteilung, die seit 1934 vom ehemaligen Vorstand des Radfahrvereins und KPD-Gemeinderat Eugen Heimerdinger geleitet wurde, musste die 2. Mannschaft von den Ligaspielen abmelden. Im Juni 1937 wurde nach Rücktritt des Trainers Eugen Heimerdinger vom Vereinsführer angeordnet, „dass sofort der gesamte Spielbetrieb suspendiert wird.“ Der Spielbetrieb wurde 1938 wieder aufgenommen, aber vom Ausbruch der Maul- und Klauenseuche beeinträchtigt. Die Saison 1939/40 brachte mit dem Gewinn der Kreismeisterschaft und dem Aufstieg in die Bezirksklasse einen letzten Erfolg. Die neu gegründete „Schiabteilung“, die aus dem Zusammenschluss mit der „Schizunft Ditzingen“ entstanden war, litt am Mangel an aktiven Mitgliedern. Einzig die Frauenriege, die vom allseits beliebten Tanzlehrer Narziß Görthofer geleitet wurde, verzeichnete noch einen Zulauf.
Der Verein erhielt auf Befehl des Reichssportführers und des Reichsbunds für Leibesübung einen „Dietwart“. Der sollte die Sportler im nationalsozialistischen Sinne schulen und die nationalsozialistische Ideologie und die „Erziehungsziele“, also Rassebewusstsein, Gemeinschaftssinn, völkische Haltung und antijüdische Ressentiments, an die Mitglieder herantragen. Dazu hatte er dafür Sorge zu tragen, dass die Mitglieder nationalsozialistische Lieder singen und die Reden des Führers hören. In Dietabenden und Dietprüfungen wurde die völkische Haltung der Sportler kontrolliert. Die unbeliebten Pflichtabende haben auch dazu beigetragen, dass die Begeisterung für den Sport im Verein merklich nachließ.

Berichte der Übungsleiter können nicht gegeben werden, da der Übungsbetrieb durch den Krieg ruht.
So lautet der letzte Eintrag über die Vollversammlung des Vereins vom 9. Februar 1940. Der Turn- und Sportverein Ditzingen e.V. hatte an diesem Tag 192 Mitglieder. Seine Aufgaben hatten die Gliederungen der NSDAP und die Gemeinde längst übernommen. Der Verein hatte seine Existenzgrundlage verloren. Die große Mehrzahl der Mitglieder war zum Kriegsdienst eingezogen worden. 34 von ihnen sind gefallen. Acht galten 1953 noch als vermisst. Das Kassenbuch des Vereins wurde geschlossen. Die Darlehnsschulden bei der Oberamtssparkasse Leonberg in Höhe von 45.000 RM und bei der Brauerei Leicht in Höhe von 5.000 RM blieben ein offener Posten.

Die Turn- und Sportabteilung soll (innerhalb der Sport- und Kulturvereinigung) heute konstituiert werden.
Am 21. April 1945 war der Zweite Weltkrieg in Ditzingen vorbei. Der Ort wurde zunächst von französischen Truppen besetzt. Am 5. Juli 1945 wurden die Franzosen durch die Amerikaner abgelöst. Die beschlagnahmten alle Gebäude in der Gartenstraße und richteten eine Verpflegungskantine in der Wilhelmschule ein. Sie blieben bis zum 12.12.1945. Bis dahin war Schulunterricht nur in der Karlschule möglich. Amerikanische Offiziere waren einige Jahre für die Organisation des Lebens in den Orten verantwortlich. In Ditzingen hatten schon die Franzosen den Schriftsetzer Eugen Heimerdinger als Bürgermeister eingesetzt. Heimerdinger war vor 1933 als Gemeinderat der KPD und auch als aktiver Sportler beim Turn- und Sportverein und dann beim Radfahrverein engagiert. Trotz seiner Inhaftierung im Zuge der Auflösung der Vereine der Arbeiterbewegung im März 1933 konnte er einige Zeit als erfolgreicher Trainer der Fußballabteilung des TSV arbeiten. Nun, im Frühjahr 1946, gehörte er zu den treibenden Kräften, die einen Neuanfang für den Verein in die Wege leiten wollten. Das war nicht ganz einfach. Die Amerikaner stuften die deutschen Vereine als „paramilitärische Organisationen“ und Mitschuldige für die Folgen der Nazi-Herrschaft ein. 1946 erlaubten sie die Gründung „geselliger Vereine auf örtlicher Basis“. In Ditzingen erlaubte man die Gründung einer „Kultur- und Sportvereinigung“. Insgesamt sieben ehemalige Vereine fanden sich unter diesem Dach zusammen. Innerhalb dieser Organisa-
tion sollte eine „Turn- und Sportabteilung“ gebildet werden. Zur Vereinigung gehörten weiter eine „Gesangsabteilung“, eine „Musikabteilung“ sowie die „Wanderfreunde“.

Nach verschiedenen Vorschlägen einigt man sich einstimmig auf den Vorschlag: Turn- und Sportfreunde Ditzingen
Mit diesem Beschluss der Generalversammlung endet am 1. März 1947 die kurze Geschichte der „Kultur- und Sportvereinigung Ditzingen“ und beginnt die Erfolgsgeschichte der TSF Ditzingen. Lange hatte die Versammlung über den Vereinsnamen debattiert. Als Zugeständnis an die „Wanderfreunde“, die sich dem neuen Verein anschließen wollten, einigte man sich schließlich auf den Vereinsnamen „Turn- und Sportfreunde Ditzingen“ (TSF). Schon bei dieser Versammlung wurde klar, dass der Verein nicht nur auf die bewährten Sportarten wie Turnen, Leichtathletik, Fußball setzte, sondern neue Sportarten hinzugekommen waren. Handball für Männer und Frauen sowie Tischtennis waren angesagte Sportarten, die in Ditzingen schnell Fuß fassten. Maßgeblich beteiligt an der Entwicklung neuer Sportarten waren Menschen, die als Flüchtlinge oder auf der Suche nach einer Bleibe nach Ditzingen gekommen waren. Vom Herbst 1945 bis 1949 wurden mehr als 1.200 Flüchtlinge in das 3.000-Seelen-Dorf Ditzingen gebracht. Sie mit Arbeit, Nahrung, Schulbildung und Wohnraum zu versorgen, war die größte Aufgabe, die die Gemeinde Ditzingen je zu stemmen hatte. Der Sportverein hatte dabei eine wichtige Funktion. Beim Sport trafen sich Alt- und Neubürger, um gemeinsam zu trainieren und sportliche Erfolge zu erringen. Rolf Berkens, der „Handballvater“ und Mitbegründer der Handballabteilung beschrieb die erste Handballmannschaft so: „Die Mannschaft bestand zunächst ausschließlich aus Nichthandballspielern. Sie setzte sich zusammen aus jungen einheimischen als auch eben aus Kriegsgefangenschaft entlassenen ortsfremden Kameraden“. Dass 1946 zeitgleich auch eine Frauenmannschaft an den Start ging, erstaunt umso mehr, als dieses Mannschaftsspiel für Frauen bis dahin in Ditzingen unbekannt war.


Unser alter Rasenplatz wurde bei Regenwetterspielen zum morastigen Gelände
Die Sportplatzfrage blieb noch lange ein Problem für den Verein. Der unbefestigte Sportplatz zwischen Lache und Beutenbach war zu klein und hatte keine Umkleideräume. Der Sportplatz in der Steinröhre war in einem besseren Zustand, konnte aber zunächst nicht genutzt werden. Wie die Sporthalle war auch dieser Platz zunächst von der amerikanischen Militärverwaltung beschlagnahmt worden. Dann bekam die Gemeinde eine vorläufige Erlaubnis, den Platz für den Sport freizugeben. Hier konnten die Fußballer ihre Verbandsspiele austragen. Weil aber die Rückgabe des 1933 eingezogenen Vermögens des Turnerbundes nicht geklärt war, konnte der Platz nur unter Vorbehalt genutzt werden. 1946 gründete sich ein Verein, der sich in der Tradition des Turnerbundes sah und Ansprüche auf das Gelände der Steinröhre anmeldete. Im Mai 1948 wurde der Platz an den Turnerbund zurückgegeben. Der Spielbetrieb der TSF konnte trotzdem aufrechterhalten werden. Im Gegenzug nutzte der „Touristenverein Naturfreunde“ die Sporthalle der TSF. Der eigene Sportplatz konnte durch Zukäufe erweitert und nach und nach auch verbessert werden. Auch die Turnhalle konnte mit viel Eigenleistung ausgebaut und erweitert werden.

Das Vermögen des Vereins ist von der Besatzungsmacht zurückgegeben worden.
Erst im Juni 1950 konnte der Verein formal wieder auf sein Vermögen zurückgreifen. Die Vermögensauflagen der Amerikaner hatten das Vereinsleben wirtschaftlich nicht wirklich beeinträch-
tigt. Im Gegenteil. Am 21. Juni 1950 konnte das neue Vereinsheim beim Sportplatz eingeweiht werden. Zur Finanzierung der Baukosten von fast 17.643 DM floss wieder ein Kredit der Brauerei Leicht, der mit 8 Prozent Zinsen zurückgezahlt werden musste. Dazu kamen Zuschüsse des Landes und der neuen Toto-Gesellschaft sowie ein Privatkredit. Die eigenen Mittel des Vereins waren bescheiden. Ganze 2.055 DM konnte der Verein aufbringen. Der Rest musste durch Eigenleistungen der Mitglieder, aber noch mehr durch kostenlose Leistungen von Architekt und Handwerkern erwirtschaftet werden. Die Gastwirtschaft wurde an Vereinsmitglieder, das Ehepaar Fritz und Ida Schüle, vergeben. Für die Freiluftsportler standen nun erstmals Umkleidekabinen zur Verfügung. Der Verein hatte eine „Heimat“ gefunden.

Sämtliche Vereine müssen benachrichtigt werden, auch die Flüchtlingsorganisationen.
Faschingsfest, Frühjahrsfeier und die Sportfeste des Sommers, das waren die Hauptaktivitäten des Gesamtvereins. Dazu hatte der Vorstand die Finanzen und Einrichtungen des Vereins, die Sporthalle und den Sportplatz, zu bewirtschaften. Die geselligen Veranstaltungen, an denen sich auch die anderen Ditzinger Vereine beteiligten, trugen mit dazu bei, dass sich die Finanzlage des Vereins merklich besserte. Das lag auch am regen Alkohol- und Rauchwarenkonsum bei den beiden Faschingsveranstaltungen in der Sporthalle: 160 Flaschen Wein (Weißwein, Rotwein und Süßwein), 40 Liter Likör und Schnaps und 300 Liter Bier und 10 Kis-
ten Coca-Cola wurden verkauft. 2.000 Zigaretten, 50 Zigarren und 100 Stumpen sorgten für dicke Luft in der Turnhalle. Unterm Strich blieben knapp 1.000 DM Überschuss in der Kasse.

Dagegen bereiteten die Sportfeste der Vereinsführung Sorgen. Dass die finanzielle Seite des Kreissportfestes 1951 in Ditzingen „sich nicht ebenso günstig gestaltete wie die sportliche, war ganz an den Mitgliedern gelegen. Der Verein war gezwungen, die notwendigen Arbeiten von fremden Arbeitskräften gegen Entlohnung ausführen zu lassen.“

Vorstand M. Dürr begrüßt die Anwesenden, besonders die Vertreter der Volksschule Ditzingen.
„Das Kultusministerium hat angeordnet, die Bundesjugendspiele 1952 durchzuführen. Von dieser Anordnung sind sämtliche 650 Schüler betroffen“. Im Juni 1952 fanden auf dem Sportplatz die ersten Bundesjugendspiele in Ditzingen statt. Auf dem Programm standen ein „Feldgottesdienst“ vom evangelischen Pfarrer für beide Konfessionen, ein Festzug unter Beteiligung des Musikvereins und dann „Massenfreiübungen für Schüler der Klassen 5 – 8, Vorführungen der Unterklassen, Entscheidungen der Besten, Reigen der Mädchen und schließlich die Siegerehrung. Getrunken wurden 800 Liter Bier, 50 Flaschen Wein, 30 Kisten Coca-Cola, 10 Kisten Sprudel. Ditzinger Eis gab es von Mosers Eisdiele, dazu 250 Rote Würste und 500 Brötchen. Das „Wirtschaftswunder“ machte sich auch in Ditzingen bemerkbar. Die Menschen verdienten gutes Geld und der Alkohol floss auch beim Sport in Strömen.


60 Jahre Vereinsarbeit liegen heute hinter uns.
„Es waren Jahre der Erfolge, aber auch Jahre der Sorgen um den Bestand des Vereins im Frieden und in den zwei Weltkriegen“. Mit diesen Worten beschloss der Ehrenvorstand und frühere Vereinsführer Gustav Kiefer seine Festrede zum 60. Vereinsjubiläum am 25. Juli 1953. Während der Festwoche, die vom
25. Juli bis zum 2. August 1953 begangen wurde, zeigte der Verein das Spektrum seiner Aktivitäten. Die „Deutschen Jugend-Mannschaft-Meisterschaftskämpfe in der Leichtathletik“ für den Kreis Leonberg, ein großes Feldhandballturnier mit Mannschaften des Kreises Stuttgart, Fußballspiele von der Jugend bis zu den AH Mannschaften, ein Tischtennisclubkampf sowie ein Staffellauf „Quer durch Ditzingen“ wurden eingerahmt von einem „Fest-
abend“ und dem „Fröhlichen Ausklang“. Für das Fest wurde der Zugang zum Vereinsheim und zum Sportplatz mit einer Eisenbetonbrücke über die Lache verbessert. Das Vereinsheim erhielt einen Anbau mit Toiletten und Umkleideräumen. Dafür musste der Verein wieder einen Kredit in Höhe von 10.000 DM bei der Brauerei und der Ditzinger Bank aufnehmen. Dabei waren Zinssätze von 8-10 Prozent üblich. Auch wenn das Vereinsjubiläum ein wirtschaftlicher Erfolg war und ein Überschuss von mehr als 1.000 DM erzielt wurde, blieb die Finanzlage des Vereins angespannt. Nach einer Prüfung der Kasse durch das Finanzamt im Jahre 1954 musste der Vorstand zur Kenntnis nehmen, dass für die Einnahmen aus dem wirtschaftlichen Betrieb des Vereinsheims Körperschaftssteuer fällig wurde. Deshalb blieb nichts übrig, als die Mitgliedsbeiträge von 0,50 DM/Monat auf 1 DM/Monat zu verdoppeln. Außerdem wurde das Vereinsheim nun verpachtet. Mit den festen Einnahmen sollten die Zinsen für die bestehenden Schulden beglichen werden. „Es fehlt an Geld für die Bezahlung des Trainers (monatlich 100 DM)“. Dieser Satz taucht nun des Öfteren in den Protokollen auf. Er weist auf die prekäre Lage des Vereins in dieser Zeit hin.

Das Problem „Turnhalle“
stand in den Folgejahren bis zum Bau der Turn- und Versammlungshalle im Jahre 1966 immer wieder ganz oben auf der Tagesordnung des Vereins. Die alte Turnhalle reichte für die Belange des Vereins und der Schule schon lange nicht mehr aus. Da kam ein Angebot der jungen katholischen Kirchengemeinde gerade recht. Die Kirchengemeinde, die auf die Speyrer Kirche als Gotteshaus angewiesen war, suchte zunächst einen Raum und dazu ein Grundstück, um darauf eine neue katholische Kirche bauen zu können. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung stand das Thema am 3. September 1955 auf der Tagesordnung. Der Verein erhoffte sich durch den Verkauf der Turnhalle und des Grundstücks Einnahmen in Höhe von 100.000 DM. Für eine
neue Turnhalle rechnete man mit Kosten in Höhe von etwa 290.000 DM. Für die meisten Mitglieder war das nicht darstellbar. Sie hofften auf ein Eingreifen der Gemeinde. Trotz vieler Bedenken stimmte die Mehrheit dafür, in Verhandlungen mit der Kirchengemeinde einzutreten. Am Ende mussten alle Beteiligten einsehen, dass dieses Projekt zu diesem Zeitpunkt nicht realisierbar war. Allen Beteiligten, der Kirchengemeinde, dem Verein und auch der Gemeinde fehlten die Mittel, um einen Hallenneubau zu diesem Zeitpunkt zu stemmen.

Es wird bestätigt, dass sich die anwesenden Einwohner fast einmütig für den Bau eines Hallenschwimmbades ausgesprochen haben.
1958 wurde das Thema erneut aufgerufen. Die katholische Kirchengemeinde erneuerte ihren Wunsch, die Turnhalle und das Gelände für den Neubau einer Kirche kaufen zu können. Ein Antrag auf Förderung eines Turnhallenbaus mit Mitteln des Landes in Höhe von 50.000 DM wurde positiv beschieden. Trotzdem musste das Vorhaben weiter verschoben werden. Der Ditzinger Gemeinderat hatte nach einer Bürgerversammlung beschlossen, ein Hallenbad zu bauen. „Deshalb ist die Gemeinde Ditzingen in den nächsten Jahren nicht in der Lage, eine Turn- und Festhalle zu bauen und wäre deshalb dankbar und würde es begrüßen“, wenn der ortsansässige Verein, „Turn- und Sportfreunde Ditzingen e.V“, eine Turnhalle bauen würde, die von den hiesigen Schulkindern genutzt werden kann.

Ditzingen hat ein Kleinstadion,
mit diesen Worten beschrieb die Leonberger Kreiszeitung die Einweihung der neuen Sportanlage der TSF Ditzingen am 1. Mai 1964. Viele Hauptversammlungen und Gespräche mit der Gemeinde und dem Land waren notwendig, um zu einer Entscheidung über die künftige Gestaltung der Sportanlagen in Ditzingen zu kommen. Schnell war klar, dass der Verein aus eigener Kraft keine neue Turnhalle stemmen konnte. Für die Gemeinde, die nun mehr als 10.000 Einwohner hatte und zur „Stadt“ erhoben werden wollte, führte kein Weg mehr daran vorbei, für den Schul- und Vereinssport eine Halle zu bauen. So kam es 1962 zu einem Kompromiss, der für alle Beteiligten eine gute Lösung darstellen sollte. Die Stadt plante eine Turn- und Versammlungshalle, die neben dem 1961 fertiggestellten Hallenbad errichtet werden sollte. Dafür benötigte sie einen Teil des Sportplatzgeländes. Durch Grundstückstausch konnte dem Verein ein ausreichend großes Gelände für eine neue Sportanlage zur Verfügung gestellt werden. Die wurde 1963/64 gebaut und am 1. Mai 1964 mit einem großen Sportfest eingeweiht. Weil Handball immer noch im Freien auf dem Großfeld gespielt wurde, entschied man sich für einen Hartplatz mit 60 x 100 Metern. Für die Leichtathleten wurden 4 Rundbahnen, 5 100 Meter-Bahnen, Kugelstoßanlagen, eine Diskusanlage, eine Hochsprung- und Stabhochsprunganlage sowie 2 Weitsprunganlagen gebaut. Die gesamte Anlage wurde mit einer Flutlichtanlage ausgestattet.

Wer wird in Belgrad „König der Sprinter“?
Diese Frage beschäftigte im Sommer 1963 die sportinteressierten Ditzinger. Einer aus ihren Reihen, Peter Gamper, der für den führenden Leichtathletik-Club im Südwesten, den SV Salamander Kornwestheim, startete, hatte es weit gebracht. Er war Deutschlands schnellster Sprinter über die 100 Meter. Peter Gamper wurde 1959 Deutscher Juniorenmeister in Delmenhorst und Dritter bei den Deutschen Meisterschaften in Stuttgart über die 100-Meter-Distanz. Bei den Europameisterschaften 1962 in Belgrad holte er die Goldmedaille mit der deutschen 4-mal-100-Meter-Staffel (39,5 Sekunden: Klaus Ulonska, Peter Gamper, Hans-Joachim Bender, Manfred Germar). Im 100-Meter-Lauf dieser Europameisterschaften wurde er in 10,4 Sekunden Dritter. 1965 bis 1967 errang er mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des SV Salamander Kornwestheim drei Deutsche Meistertitel.

75 Jahre erfolgreich im Dienste des Sports
Die Kahnpartie auf dem Sportplatz, die nach einem Hochwasser von Beutenbach und Lache beim 60-jährigen Vereinsjubiläum im Sommer 1953 beinahe als neue sportliche Herausforderung die angesagten Fußball- und Handballspiele ersetzt hätte, war
15 Jahre später, im Sommer 1968, bei der 75-Jahr-Feier der TSF Ditzingen kein Thema mehr. Die Bäche waren kanalisiert und der Sportplatz seither einigermaßen hochwasserfrei. Ditzingen hatte nun mehr als 11 000 Einwohner und 1 160 davon waren als Mitglieder in einer der zehn Abteilungen der TSF angemeldet. Die Festwoche vom 29. Juni bis zum 7. Juli brachte viel Sport nach Ditzingen. Beim „Bunten Abend“ in der Stadthalle traten „bekannte Künstler von Funk und Fernsehen“ auf. Die Torwand aus dem „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF feierte ebenso Premiere wie der „Ditzinger Stadtlauf“, der den bis dahin unvermeidlichen Festumzug sportlich ersetzte.

Weil uns an allen Ecken und Enden das Feuer unter den Nägeln brennt.
„Das Wunder von Bern“, der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1954 markiert ein entscheidendes Ereignis im Sport des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Erstmals waren Millionen Menschen live am Radio dabei. Radio, Wochenschau und dann das Fernsehen verhalfen dem Sport zu einer sich immer weiter steigernden Popularität. Sport als Ausgleich für die satte Generation der Wirtschaftswunderkinder, die das Auto für jeden Schritt zu nutzen lernten, war stark angesagt. Zu Breiten- und Spitzensport gesellten sich der Freizeit- und der Gesundheitssport. Die seither mit Herzblut und Engagement geführten geselligen Vereine wurden zu Dienstleistern für individuell nachgefragte Angebote des Sports. Das alles spürte auch der Vorstand der TSF. In einem Brandbrief an den Ditzinger Gemeinderat schüttete man im März 1969 ein großes Sorgenpaket aus. Die neue Stadthalle sei dem Ansturm der Sportler aus dem Verein und den Schulen nicht gewachsen und der von der Stadt gezahlte Zuschuss für die Jugendarbeit des Vereins sei angesichts steigender Honorare der Übungsleiter zu gering. „Nachdem die Schule ohne ihr Verschulden bisher nicht in der Lage war, unserem Verein einen Teil der sportlichen Betreuung unserer Jugend abzunehmen, möchten wir aber nicht unerwähnt lassen, dass kein einziger Lehrer der Ditzinger Schulen bei uns als Übungsleiter oder Betreuer tätig ist“. „Wir haben in unserer 75-jährigen Vereinsgeschichte immer versucht, alles selbst zu finanzieren und in dieser Hinsicht unsere Ditzinger Stadtväter etwas verwöhnt. Dies ist uns in Zukunft beim besten Willen und bei größter Einschränkung nicht mehr möglich.“

Eltern gehen auf die Barrikaden.
Halle muss gebaut werden.
Wenn Schulleiter, Elternvertreter und der Sportverein gemeinsam mit Leserbriefen und bei Versammlungen den Bau einer Schulturnhalle fordern, dann können die Stadträte nicht abseits stehen. Im Sommer 1973 eskalierte der Streit über den Bau einer Schulturnhalle bei der Wilhelmschule in der Gartenstraße, weil der Gemeinderat die bereits bewilligten Haushaltsmittel in Höhe von 1,5 Mio. DM mit einem Sperrvermerk versehen hatte. Der Beschluss war eine Reaktion auf eine von der Landesregierung angeordnete Beschränkung der Kreditaufnahme durch die Gemeinden. Schon ein Jahr später konnte das Richtfest für die neue Halle gefeiert werden. Zuvor war das evangelische Gemeindehaus, das an dieser Stelle stand, abgebrochen worden. Die neue Sporthalle wurde im Januar 1975 eingeweiht. Sie kostete 1,8 Mio. DM. Zur gleichen Zeit wurde auch die Fechtabteilung der TSF Ditzingen gegründet, die in dieser Halle bis zum Brand der Halle im Jahr 2012 erfolgreich trainieren konnte. Es folgten in den nächsten Jahrzenten mit der Sporthalle in der Glemsaue (1980), der Sporthalle an der Konrad-Kocher-Schule (1993) und dem Ausbau der Sportanlage an der Lehmgrube weitere große Investitionen in den Ausbau der Sportinfrastruktur in der „Kernstadt“ der „Großen Kreisstadt Ditzingen“.

Die Fußballer der TSF Ditzingen steigen auf.
Diese Schlagzeile erschien zu Beginn der 90iger Jahre alle Jahre wieder am Ende der Spielzeit in der Lokalpresse. 1989 begann mit dem Aufstieg der 1. Fußballmannschaft von der Bezirksliga Enz-Murr in die Landesliga der Durchmarsch durch die Ligen bis zur Regionalliga Süd am Ende der Saison 1994/95. Bis zum Abstieg in die Oberliga Baden-Württemberg im Sommer 2000 herrschte in Ditzingen Fußballfieber der besonderen Art. Bekannte Mannschaften aus ganz Süddeutschland traten im Stadion an der Lehmgrube an. Das Stadion war 1992 für 2,1 Mio. DM ausgebaut und mit einer überdachten Tribüne ausgestattet worden. Maßgeblich für den Erfolg der Fußballabteilung war das persönliche und finanzielle Engagement des Ditzinger Unternehmers Eberhard Ruf. Nach seinem Tod im Dezember 1999 sollte sich zeigen, dass die Finanzen des Vereins in eine bedenkliche Schieflage geraten waren. Die aufgelaufenen Schulden konnten nur durch den Verkauf des vereinseigenen Fußballplatzes und des Vereinsheims an der Ditzenbrunner Straße an die Stadt abgetragen werden. Die Folgen des Finanzproblems zeigten sich schon 1996, als die Fußballabteilung keine neuen Spieler mehr verpflichten konnte. Es folgte der sportliche Niedergang der Fußballabteilung, der in der Kreisliga enden sollte.


Wir können stolz darauf sein, dass sich im Jubiläumsjahr ein lebhafter Verein vorstellt, der im Verlauf seiner Geschichte vielen Menschen Freude bereitet und immer wieder sportliche Leistungen hervorgebracht hat.
Mit fast 2 000 Mitgliedern, davon fast 1 000 im Jugendalter, in 16 Sparten präsentierte sich der Verein nach 100 Jahren im Jubiläumsjahr 1993 in bester Verfassung. Ein ganzes Jahr über wurde sportlich mit Wettkämpfen und Turnieren gefeiert. Die große Festveranstaltung fand am 2. Juli 1993 in der Stadthalle statt. Die Idee der Gründerväter von 1893, den Sport nach Ditzingen zu holen, war nach 100 Jahren aktueller denn je. Der Rückblick auf die Geschichte zeigte, mit wie viel Mut und Engagement die Gründergeneration und ihre Nachfolger eine eigene sportliche Infrastruktur geschaffen und unterhalten haben und den Sportbetrieb mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln aufrechterhalten haben.

Autor: Herbert Hoffmann (Quelle: Festschrift 125 Jahre TSF Ditzingen)